Ulrich Ziemons



Courses
Summer 2015
Don't play with your food
In einer der bekanntesten Sequenzen aus Luis Buñuels Film Das Gespenst der Freiheit (Le fantôme de la liberté, I/F 1974) illustriert ein Lehrer mit Hilfe einer simplen Umkehrung die Diskursivität der Tischmanieren: Eine bürgerliche Abendgesellschaft sitzt in illustrer Runde um eine großzügige Tafel herum ... jedoch nicht auf Stühlen, sondern jede/r auf ihrer/seiner eigenen Toilette. Während sie ganz selbstverständlich voreinander die Hosen herunterlassen und sich erleichtern, ziehen die Gesellschaftsgäste sich zum Essen von Zeit zu Zeit vornehm in eine kleine Kammer zurück, um dort verschämt ihren Hunger zu stillen.

Essen, das zeigt die Szene, bedeutet eben nicht nur Essen: Das System der Nahrungsaufnahme ist mit vielfältigen Regeln und Einschränkungen versehen. Es ist viel mehr als die bloße Aufnahme
(über-)lebenswichtiger Nährstoffe. Essen ist restriktiv, geordnet, in ein System symbolischer und hierarchischer Ordnungen eingebettet. Am Esstisch werden gesellschaftliche Normen eingeübt und festgeschrieben. Das Meistern des Essens mit Messer und Gabel etwa ist eine der zentralen Hürden in der pädagogischen Narration vom Eintritt des Individuums in die Gesellschaft.

Soziale und kulturelle Kräfte definieren nicht nur wie gegessen wird, sondern auch wer essen darf und vor allem was serviert wird. Mit dem Essen soll man nicht spielen, man soll sich nicht überfressen, und überhaupt: Gegessen wird (nur!), was auf den Tisch kommt.
Was ist essbar, welche Nahrung ist akzeptabel und vorstellbar? Und was ist mit den Aspekten der Nahrungsaufnahme die gleich ganz ausgeblendet werden, wie Verdauung und Ausscheidung? Wie kann die Verweigerung von Essen zum Spielfeld von Machtausübung werden? Und wie schreiben sich sozio-kulturelle Diskurse von sex/gender/race/class in das Essen ein?

Das Seminar sucht nach filmischen Repräsentationen des Essens als Ort und Technik der Macht und schaut dabei vor allem auf Inszenierungen der Rebellion, der Maßlosigkeit, des Regelverstoßes, des Tabubruchs, des Ekels, des Zusammenbruchs gesellschaftlicher Normen. Es untersucht Essenschlachten, Völlerei, Koprophagie, Kannibalismus, Hungerstreiks und andere Momente der Grenzüberschreitung und fragt nach den Strategien, mit deren Hilfe Film und Kino diese visualisiert und klassifiziert. Die untersuchten Filme reichen dabei vom frühen Stummfilm-Slapstick, über Horror-Genreware und Arthouse-Kino bis hin zu Avantgardefilm-Experimenten, bei denen das Filmmaterial selbst als Essen zubereitet wird.
Dozent
Ulrich Ziemons
Termin
Projektwoche (19.-23.05.2014 in Potsdam)
Ort
tba
SWS
2
Studiengang
BA
Module (BA): 10
Pflichtveranstaltung
-
Veranstaltungsart
Seminar
Leistungspunkte
2
Zielgruppe
BA-EMW
Teilnehmerbegrenzung
25
Zusätzliche Informationen
Das Seminar findet als Block parallel zur Brölin-Projektwoche in Potsdam statt. Ein Vorbereitungstermin Ende April/Anfang Mai wird noch bekannt gegeben.

Filmliste (Auswahl):
El ángel exterminador (Mexiko 1962, R: Luis Buñuel)
Sedmikrásky/Tausendschönchen (ČSSR 1966, R: Vera Chytilova)
Scheiß-Kerl (Österreich 1969, R: Otto Muehl)
Como Era Gostoso o Meu Francês/How tasty was my little frenchman (Brasilien 1971, R: Nelson Pereira dos Santos)
La grande bouffe (F/I 1973, R: Marco Ferreri)
Le fantôme de la liberté (I/F 1974, R: Luis Buñuel)
Pickled Film (USA 1974, R: Tony Conrad)
Salò o le 120 giornate di Sodoma (I/F 1975, R: Pier Paolo Pasolini)
Cannibal Holocaust (I 1980, R: Ruggero Deodato)
Monty Python's The Meaning of Life (GB 1983, R: Terry Jones/Terry Gilliam)
Video Diary Series (USA 1985-2011, R: George Kuchar)
Das Deutsche Kettensägenmassaker (D 1990, R: Christoph Schlingensief)
Alive (USA/Kanada 1993, R: Frank Marshall)
Trouble Every Day (F/D/Japan 2001, R: Claire Denis)
Flying Saucey (USA 2006, R: Marie Losier)
Rohtenburg (D 2006, R: Martin Weisz)
Hunger (GB/IRL 2008, R: Steve McQueen)
Summer 2012
Written on the Wind – Kino und Wetter
Wind, Wolken, Stürme, Regen – Wetterphänomene sind spätestens seit der Formation des Genres der Landschaftsmalerei im 18. Jahrhundert eine feste Motivgröße in der Kunst. Auch der Film ist seit dem Beginn seiner Geschichte von Wind und Wetter fasziniert. Diese Faszination liegt nahe, ist doch Film als Medium der Bewegung für die Darstellung des Bewegungsphänomens Wind und unsteter Wolkenformationen prädestiniert.

Ob im Slapstick Chaplins und Keatons Mensch- und Dingwelt von Stürmen in Bewegung versetzt werden, Dorothy in „The Wizard of Oz“ von einem Tornado in ein technicoloriertes Märchenland transportiert wird, die Melodramen Victor Sjöströms und Douglas Sirks die überschäumenden Emotionen ihrer Protagonisten mit tobenden Sandstürmen und aufgewühltem Herbstlaub visualisieren, oder der Avantgardefilmemacher James Benning mit formaler Strenge die sich stetig verändernden Wolkenformationen im Himmel über Kalifornien beobachtet: das Spiel der Elemente ist als Motiv, Thema und „Akteur“ narrativer, dokumentarischer, essayistischer und experimenteller Filme nicht aus der Filmgeschichte wegzudenken.

Das Seminar untersucht anhand von Beispielen aus dem Blockbusterkino, dem Experimental- und Avantgardefilm, und zeitgenössischer Video- und Installations-Arbeiten verschiedene Aspekte des Themenkomplex Wetter im Film, darunter:
Wind ist unsichtbar – wie visualisiert das Schau-Medium Film ihn?
Wie setzen sich die ästhetischen Traditionen der Landschaftsmalerei, etwa die Darstellung des Erhabenen, im Film fort?
Wie verhält sich die Mechanik der Wolkenbewegung/des Himmels zur Mechanik/Logik des Mediums Film?
Welche Rolle spielt Dauer bei der filmischen Bearbeitung von Wetterphänomenen?
Welche Gefühle lösen der Wind, der Sturm und seine Vorboten, die Wolken, im Betrachter aus und welche Emotionen werden durch stürmische Winde und dunkle Wolken im Film metaphorisch artikuliert?
Dozent
Ulrich Ziemons
Termin
Blockseminar (19./20.5, 23.5. und 26./27.5)
Ort
Haus 1, Raum 107, Neues Palais
SWS
2
Studiengang
BA
Module (BA): 7
Pflichtveranstaltung
-
Veranstaltungsart
Seminar
Leistungspunkte
2
Zielgruppe
BA EMW, NF MW
Teilnehmerbegrenzung
25
Zusätzliche Informationen
Ausgewählte Texte aus der Film- und Kunsttheorie sollen dabei helfen, die Fragestellungen an die Filme zu vertiefen.

Filmbeispiele (Auswahl):
The Wind (USA 1928, R: Victor Sjöström)
The Wizard of Oz (USA 1939, R: Victor Flemming)
Pour le Mistral (F 1966, R: Joris Ivens)
Weather Diary Series (USA 1986-2011, R: George Kuchar)
Une histoire de vent (F/UK/BRD/NL 1988, R: Joris Ivens)
A History of Clouds (USA/D 1991, R: Bruce und Norman Yonemoto)
Twister (USA 1996, R: Jan de Bont)
Ten Skies (USA 2004, R: James Benning)
un nuage (D/F 2010, R: Guillaume Cailleau)